Betrachtung von inszenierten Mustern als Selbstbild der vernetzten Gesellschaft
Die Produktion des intermedialen Tanzstücks „Lost in Formation“ ist eine Forschungsreise in die Welt choreografisch agierender Gruppen und der
Bilder, die sie erzeugen. Aus den Mitschnitten von Proben und Aufführungen entstand zudem ein Kurzfilm, der den Akt der Wiederholung und die Gegenwärtigkeit performativer Kommunikation mit audiovisuellen Mitteln reflektiert.
Qualifikationsprojekt (Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, 2017-2024)
Projektleitung
Sirko Knüpfer, Paula E. Paul
Medienkunst & Choreographie
Förderungen, Drittmittel:
Land Brandenburg (MWFK, MWE), Landeshauptstadt Potsdam, Ostdeutsche Sparkassenstiftung, Neustart Kultur, nationales performance netz – stepping out
In Kooperation mit der fabrik Potsdam
Sirko Knüpfer, akademischer Mitarbeiter im Studiengang Montage der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, untersucht in seinem künstlerischen Forschungsprojekt „Lost in Formation“ die kommunikativen Aspekte koordinierten Verhaltens sowie das Verhältnis zwischen der analogen Pflege dieser sozialen Choreografien und ihrer Online-Präsenz. Er versteht diese inszenierten Muster als ko-kreative Strukturen und Selbstbild der vernetzten Gesellschaft, als eine Form des Tanzes jenseits ausgewiesener Bühnen.
Das recherchierte Found-Footage-Material mit dokumentarischen Bewegtbildern kollektiver Performances aus allen Ecken der Welt bildet die Grundlage für ein intermediales Tanzstück: Parallel zur großflächigen Projektion der Filmsequenzen auf zwei hochformatige Flächen entfalten eine Tänzerin und ein Tänzer eine Choreografie, die bildsynchron, zitierend und reformulierend, auf die Projektionen reagiert. Performance und Reflexion sind hier eng miteinander verwoben, die distanzierte Betrachtung und der Blick für Details sind in ein Gesamtbild integriert. Durch langsame Verschiebungen im nur scheinbar statischen Raum ist für das Publikum die Bedingtheit der eigenen Wahrnehmung von Beobachtungsposition und Erwartung als konkret sinnlich-körperliche Erfahrung erlebbar.
In einem zweiten Schritt lenkt ein Kurzfilm aus Mitschnitten von Proben und Vorstellungen des Tanzstückes den Blick auf die Gegenwärtigkeit performativer Kommunikation. Die assoziative Montage der audiovisuellen Dokumentation des ersten Teils etabliert eine weitere Reflexionsebene mit Fokus auf dem Akt der Wiederholung als einer intentionalen Handlung, die Realitäten schafft.
Die Aufführungen des Tanzstücks fanden 2019/20 im Internationalen Zentrum für Tanz und Bewegungskunst fabrik Potsdam statt; dort wurde im Januar 2024 auch der Film gezeigt.
Weiterführende Informationen und audiovisuelles Material:
Projektseite (Bühne) Projektseite (Film)Biografien
Sirko Knüpfer studierte an den Kunsthochschulen Halle/Saale, Glasgow und Karlsruhe. Mit dem Künstler:innenkollektiv „HENRY VIII’s WIVES“ war er von 1997 bis 2014 im internationalen Kunstkontext aktiv. Die filmdokumentarische Arbeit für die Company Sasha Waltz & Guests lenkte seinen Blick auf den zeitgenössischen Tanz und weckte Interesse für dessen mediale Reflexion. Mit der Choreografin Paula E. Paul gründete er 2009 in Potsdam die „KOMBINAT kombiniert Tanz und Film UG“. Das Kollektiv entwickelt und produziert filmische Arbeiten, performative Formate und Genre übergreifende Tanztheaterprojekte.
Von 2011 bis 2014 lehrte er im Fachbereich Zeitbasierte Künste an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle/Saale, seit 2017 an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF im Fachgebiet Montage.
Paula E. Paul studierte 1979 – 84 Bühnentanz an der Fachschule für Tanz in Leipzig und kam durch Almut Dorowa mit Flamenco in Berührung. Nach dreijährigem Engagement in Gera ging sie 1987 nach Berlin und entwickelte erste eigene Arbeiten. Sie setzte sich intensiv mit modernem zeitgenössischen Tanz und Flamenco auseinander, Studienaufenthalte führten sie nach Frankreich und Spanien. 1991 – 93 war sie Mitbegründerin und künstlerische Leiterin der Tanzprobebühne Marameo in Berlin. 1993 – 2000 folgte eine intensive Zusammenarbeit mit Jo Fabian als Tänzerin, Choreografin, Trainingsleiterin und Assistentin. 2001 gründete sie die paul/langer productions, es entstanden sechs eigene Produktionen und Zusammenarbeiten mit anderen Regisseur:innen, u.a. Penelope Wehrli. Im Rahmen von Chance Tanz realisierte sie über 20 Tanztheaterprojekte von und mit Kindern und Jugendlichen.